Diskriminierender Sprachgebrauch

Warum wir alle uns immer wieder Gedanken darüber machen sollten, was wir wie sagen. In der deutschen Sprachen haben sich viele alltägliche Redensarten eingeschlichen, die extrem diskriminierend sind.

Hier wieder einige Beispiele, die Liste liesse sich auch bei diesem Artikel nahezu unendlich weiterführen.

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Der wichtigste Punkt vorweg: ein Bewusstsein für andere schaffen! Nur weil dich eine Aussage nicht stört, ist sie nicht unproblematisch. Selbst dann nicht, wenn du selber inhaltlich von der Thematik betroffen bist.

Sprachliche Diskriminierung ist der Sprachgebrauch, bei dem eine andere Person oder Gruppe bewusst oder unbewusst abgewertet, beleidigt oder angegriffen wird. Sehr oft geschieht die Diskriminierung unbewusst, das macht sie nicht weniger problematisch aber für die sprechende Person schwierig zu erkennen und vor allem ist es dadurch oft nicht einfach, Kritik annehmen zu können. Es war ja keine Absicht.

Unter anderem zum Thema Genderneutralität bin ich im Artikel „Über Diskriminierung, Sexismus, Lookismus in der Kosmetikbranche“ relativ detailliert eingegangen, das Thema greife ich hier aus Platzgründen nicht mehr auf.

„Klick da nicht drauf, ausser du bist Masochist*in“*
Den Satz lese ich ständig und er ist der Inbegriff von einer stereotypen Diskriminierung. Gemeint ist damit immer ein negativer Punkt, hier beispielsweise eine Homepage, die Qualbilder von Tieren oder inhaltlich falsche oder sehr fragwürdige Aussagen enthält. Abgesehen von der Stereotype ist die Aussage auch sehr abschätzig und vermittelt dem Lesenden: „Klick da nur drauf, wenn du ein solcher Spinner bist“. Die Analogie von inhaltlichem Quatsch oder schlimmen Bildern zu ertragen zur Lust am Schmerz ist eigentlich keine, weil es keinerlei Gemeinsamkeiten gibt. Als würde jede*r Masochist*in an allem „Negativen“ Freude haben… Der Begriff Masochismus wird in einem solchen Kontext sehr oft und immer falsch und abwertend verwendet.

„Dieses Shampoo vertrage ich gar nicht, es lässt sich aber super zum Putzen des Badezimmers missbrauchen.“ Oder auch „Sprache soll nicht zu politischen Zwecken missbraucht werden“
Ja, auch da kann ganz einfach ein total unbedenkliches Verb wie beispielsweise „zum Putzen zweckentfremden“ verwendet werden. Statt Missbrauch kann (falscher) Gebrauch verwendet werden. Missbrauch wird heute in diversen Redensarten verwendet: Drogenmissbrauch (besser Drogenabhängigkeit), Kreditkartenmissbrauch (besser Kreditkartenbetrug) oder eben meine beiden Beispiele. Dabei haben sich diese Aussagen aus dem Kontext von Missbrauch von Personen, also sexuellem Missbrauch abgeleitet. Durch die unbedachte und unangebrachte Verwendung des Wortes Missbrauch in anderen Zusammenhängen werden die Opfer dieser Straftaten diskriminiert und ihr Leid bagatellisiert, banalisiert und abgewertet.
(Nachtrag vom 30.12.2016: das war ein von mir etwas ungeschickt gewähltes Beispiel. Missbrauch sollte grundsätzlich nie für die Umschreibung von Handlungen an anderen Lebewesen verwendet werden, das Wort „brauchen“ bezieht sich auf Gegenstände und nicht auf empathiefähige Wesen.)

„Die Flüchtlinge können Kleiderspenden von den Hilfswerken hier in der Stadt abholen.“
Zugegeben, der Ausdruck ist sehr umstritten und wird ebenfalls ständig gebraucht. Aufgrund der Aktualität des Themas möchte ich aber dennoch auf den problematischen Ausdruck „Flüchtling“ eingehen. Ähnliche Begriffe gibt es viele: Jüngling, Eindringling oder Schädling sind nur einige Beispiele die aber eines gemeinsam haben: die Endung -ling ist eine Verkleinerungsform, die heute grösstenteils negativ verwendet und empfunden wird. Super einfach und sehr ausführlich erklärt wird das Problem bei (2)! Geflüchtete oder auch Zufluchtsuchende sind alternative und vollkommen neutrale Begriffe, die aktiv sind (die Person macht etwas  und nicht mit der Person wird etwas gemacht!) und dafür stehen, warum die Person an einem anderen Ort Schutz sucht.

„Bist du eigentlich taub?“
Ableismus: die Fähigkeiten einer Person werden behindertenfeindlich beurteilt und dadurch Menschen mit einer Behinderung diskriminiert. Dabei liesse sich auch hier ein einfaches „Hör mir bitte besser zu, ich habe dir das soeben erklärt“ verwenden. Die Aussage ist abschätzig gegenüber Personen mit wirklich existierenden Beeinträchtigungen. Der Ausdruck taub ist für gehörlose Personen ausserdem immer diskriminierend (taubstumm erst recht, die Personen sind nicht stumm, (fast) gehörlos haben die betroffenen Kinder keine Sprachentwicklung). Taub sind übrigens „eingeschlafene“ Finger, Menschen sind gehörlos. (4)

„Bei uns im Quartier ist ein schwules Pärchen eingezogen“
Dass schwul heute auch noch ständig als Schimpfwort verwendet wird und das extrem diskriminierend ist, ist klar. Oft wird im Zusammenhang mit gleichgeschlechtlichen oder (auch jungen Paaren) das Wort Pärchen verwendet. Diese Verniedlichung zeigt, dass die Beziehungen nicht gleich wahrgenommen werden wie beispielsweise ein Ehepaar aus Ehefrau und Ehemann. Die „Pärchen“ werden nicht auf die gleiche Stufe wie andere Formen der Beziehung gesetzt, die Beziehung ist weniger glaubwürdig, akzeptiert und wird weniger ernst genommen. Ich habe das Wort Ehepärchen tatsächlich noch nie gehört oder gelesen.

„Die Frau wurde Opfer einer Straftat.“
Das ist eine Neutralisierung durch eine Passivkonstruktion. Die Frau wird als dadurch als passiv, schwach, nicht in der Lage sich zu wehren und womöglich sogar an der Tat mitschuldig dargestellt. Bei einer solchen Aussage kann ganz einfach und aktiv geschrieben werden, was passiert ist: „Der Mann hat die Frau geschlagen“. (Hier habe ich als Beispiel wieder eine Frau verwendet, das gilt aber auch für alle anderen Personen und Personengruppen.)

Was kann ich denn überhaupt noch schreiben?
Die Sprache und auch ihre Wahrnehmung lebt und verändert sich. Es ist kaum möglich, immer korrekt zu schreiben. Das Geschriebene und auch Gesprochene oft hinterfragen und darüber diskutieren hilft, ein Bewusstsein für eine diskriminierungsfreie Sprache zu schaffen. Es geht nicht darum, perfekt zu sein oder Fehler bei anderen zu suchen sondern darum, ein grösseres Bewusstsein für andere Personen zu schaffen. Ich freue mich immer über konstruktive Kritik und spannende Diskussionen zum Thema.
Übrigens sind all diese Punkte Feminismus. Sich einsetzen für die Gleichberechtigung und Menschenwürde und nicht nur für Frauen, wie der Name vielleicht fälschlicherweise vermuten lässt. Es sind nicht alle Menschen gleich, aber sie sind gleich wertvoll! Rollenzwänge und Stereotypen haben da keinen Platz.

Du willst noch mehr zum Thema lesen?
Hier einige Tipps mit Links, die vertieft auf einzelne Punkte meines Textes eingehen:

(1) http://www.zubi-augsburg.de/style/images/upload/praxisleitfaden_mitarbeitergewinnung_sprache.pdf

(2) http://www.sprachlog.de/2012/12/01/fluechtlinge-und-gefluechtete/

(3) https://www.uibk.ac.at/gleichbehandlung/sprache/leitfaden_nicht_diskr_sprachgebrauch.pdf

(4) http://www.oear.or.at/barrierefrei-gestalten/barrierefreie-kommunikation

(5) https://ivysveganpoison.org/2016/05/01/lieb-mich-ich-bin-vegan-sexismus-bei-der-kosmetikbude/

*Masochismus gemäss Wikipedia: Als Masochismus wird bezeichnet, wenn ein Mensch (oftmals sexuelle) Lust oder Befriedigung dadurch erlebt, dass ihm Schmerzen zugefügt werden oder er gedemütigt wird.

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12 Gedanken zu “Diskriminierender Sprachgebrauch

  1. Wow, herzlichen Dank für diesen tollen und informativen Artikel. Danke auch für deine sachlichen und nicht belehrenden Formulierungen. Ich denke, hier können sich alle hinterfragen und ich werde definitiv noch mehr auf meinen eigenen Sprachgebrauch achten.

    Wie handhabst Du das im Alltag, machst Du andere Menschen auf diskriminierenden Sprachgebrauch aufmerksam?

  2. Danke Anita!

    Ui im Alltag kommt es bei mir immer etwas darauf an, mit wem ich mich unterhalte.
    Online, gerade in veganen / feministischen Gruppen, schreibe ich meist wirklich eine Anmerkung, warum ich die Formulierung als unpassend empfinde.

    Viele Leute aus meinem Freundeskreis sehen das ganz ähnlich, da reicht dann 1x räuspern und alle wissen Bescheid. 😀
    Ansonsten halte ich mich eher zurück, ausser eine Aussage geht so gar nicht. Weil eben vieles unabsichtlich und nicht böse gemeint gesagt wird, reagieren alle anders auf Kritik. In meinen Ausgen macht es mehr Sinn, z.B. eben mit solchen kurzen Texten oder Artikeln die Leute zu erreichen. Wer etwas sensibel auf das Thema reagiert, mag sich auch gerne einlesen.

    Umsetzen ist dann eine andere Sache, ich versuche zwar, das alle so zu beachten, es gelingt mir aber auch nicht immer. Gerade gesprochen merke ich es ab und zu erst 2 Sekunden zu spät… 🙂

  3. stimme dir da zu, aber das mit dem pärchen find ich übertrieben. das hab ich in dem zusammenhang noch nie gehört, ich hör das vor allem bei jungen menschen eben.

  4. Danke für diesen Post. Ich dachte bis eben, ich mache mir schon viele Gedanken um das Thema, aber man hat doch immer wieder Aha-Effekte. Gerade das mit dem Missbrauch habe ich bestimmt schon häufiger benutzt, aber noch nie darüber nachgedacht.

  5. Damit machst du genau das, was im Artikel steht.

    Du kannst es nicht nachvollziehen, dass sich Leute, deren Betiehung als „Pärchen“ bezeichnet wird, nicht ernst genommen und diskriminiert fühlen.
    Es gibt keine Übertreibungen, jede Diskriminierung ist für die Betroffenen schlimm.

  6. Liebe Ivy,
    wieder mal ärgere ich mich, dass mir vieles davon nicht selbst aufgefallen ist. Zum Beispiel wäre ich wirklich nicht darauf gekommen, dass das Wort „Pärchen“ auch diskriminierend wahrgenommen werden kann, aber du hast völlig Recht, niemand spricht von Ehepärchen. Mit dem Wort „Flüchtlinge“ habe ich schon länger meine Probleme, habe es aber trotzdem stumpf weiterbenutzt, da es mir omnipräsent vorkommt. Was mich primär daran gestört hat, ist, dass es die betroffenen Menschen so reduziert und dem Leid, das viele erleben mussten, nicht wirklich gerecht wird. Wenn es mir wirklich nur um den Zusammenhang zur Flucht geht, werde ich in Zukunft aber auch Geflüchtete stattdessen benutzen.
    Danke dir, dass du mich auf solche Sachen stößt! Ich bin immer gerne dazu bereit zu lernen, wie mein Sprachgebrauch diskriminierungsärmer wird.
    Liebe Grüße
    Leela

  7. ja, aber wo sind die quellen, dass diese leute sich bei dem begriff auch wirklich angegriffen fühlen? das kann ja jedes andere paar auch sagen, der als „pärchen“ bezeichnet wird.

  8. Ja, Pärchen sollte nie verwendet werden. Es ist nicht gut, die Beziehung zwischen anderen Personen verniedlicht darzustellen, das wertet die Beziehung stark ab.
    Natürlich gilt das nicht NUR für die „Pärchen“ in den Beispielen sondern für sämtliche Beziehungen.

    (Meine Beziehung war übrigens auch so und mich hat das stark gestört. Wir waren anfangs 17 und 19 Jahre alt und oft „das Pärchen“ – keiner hat uns ernst genommen oder uns eine längere Zukunft gegeben. Das war doch zwischendrin zerdrückend und ermürbend. Heute sind wir Ende 20 und verheiratet. Und ja, keiner sagt unserer Beziehung mehr Pärchen… 😀 )

  9. Danke für den Artikel. Ich hardere damit ein wenig.
    Stimme dir bzgl Masochismus zu, der ganze Satz wie du ihn formuliert hast ist aber auch nichts anderes als Clickbait.
    Beim Schlagwort Missbrauch sehe ich es aber anders. Schließlich wird meist um zu präzisieren der Ausdruck „sexueller Missbrauch“/“Opfer sexuellen Missbrauchs“ benutzt. So ist unmissverständlich klar, dass der Körper eines Menschen und nicht eine Kreditkarte falsch behandelt wurde. Auch die ursprüngliche Benutzung des Wortes ist nicht exklusiv an sexuelle Straftaten gebunden.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Missbrauch
    Grüße aus NRW 🙂

  10. Statt „sexuellem Missbrauch“ würde ich von „sexueller Gewalt“ sprechen, denn Missbrauch impliziert, dass es einen richtigen Gebrauch gibt, was gerade im Kontext von sexueller Gewalt gegen Kinder unvertretbar ist.

  11. Huhu Vanessa
    Danke für deinen Input.
    Ja, die passage wird bald angepasst. Missbrauch ist schon deswegen unpassend, weil Menschen keine Sachen zum „Gebrauchen“ sind.
    Ich schreibe das die Tage um.
    Liebe Grüsse

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