Über Diskriminierung, Sexismus, Lookismus in der Kosmetikbranche

Ihr Lieben

Ja, ich bin wütend. Wütend darüber, wie allgegenwärtig diskriminierende Strukturen, Hass und Intoleranz sind. Auch im Kosmetikbereich und auch heute und in Europa. Ich möchte euch hier einen kurzen Querschnitt mit einigen aktuellen Beispielen zeigen und erklären, warum das Problem so gravierend ist und warum wir uns alle dagegen stark machen müssen. Leider ist die Liste solcher Beispiele endlos lang, ich beschränke mich auf drei Punkte (die ich allenfalls bei Gelegenheit durch weitere ergänzen werde). Ich möchte damit auch zeigen, wie eng die Themen Sexismus, Lookismus, body shaming (fat shaming ist die Diskriminierung und Beleidigung dicker Menschen, body shaming inkludiert auch andere Diskriminierungen aufgrund der Figur, also zum Beispiel auch (sehr) dünne Menschen), Rassismus, Homophobie und andere Diskriminierungsformen zusammenhängen. In den meisten meiner Beispiele sind mehrere Punkte betroffen und eine klare Abgrenzung ist manchmal sehr schwierig.


Wolkenseifen und warum der Kampf gegen Diskriminierung nie lächerlich ist.

Der Kosmetikhersteller „Wolkenseifen“ sucht gerade (5.6.2016) über die Facebookseite nach zwei neuen Mitarbeitenden. Hier ist ein Screenshot von Facebook:
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Wenn nun auf den Link zur Homepage von Wolkenseifen geklickt wird, erscheint die komplette Beschreibung. Das ist ein Screenshot von wolkenseifen.de:
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Der Hinweis ganz unten vergrössert:
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Diese Aussage ist ein Tritt ist Gesicht für alle Diskriminierten. Es wäre so leicht, ein Inserat ohne „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ oder „Mitarbeiter*innen“ zu erstellen. Ganz oben ist eine mögliche Version: Wir suchen zwei Mitarbeitende!

Warum gendern so wichtig ist und sein muss und wie gegendert geschrieben werden kann (mit grossem Wörterbuch), ohne den Lesefluss zu stören, dazu ist die Seite geschicktgendern.de ganz grossartig. Nachfolgend sind die wichtigsten Punkte kurz zusammengefasst.

Warum ist die Aussage von Wolkenseifen nun so problematisch?

  • Es wurde nicht nur auf die weibliche Form verzichtet, es wird sich über eine möglichst korrekte Schreibweise auf abschätzige Art lustig gemacht. Dabei ist der Versuch nie lächerlich oder gar „albern“, alle potentiell interessierten Menschen anzuschreiben und zu versuchen, so diskriminierungsfrei wie möglich zu schreiben.
  • Wir werden alle – mehr oder weniger – durch das Geschriebene gedanklich beeinflusst und stellen uns beim Lesen Frauen oder Männer vor: „Die Krankenschwestern besprechen an der Sitzung mit den Abteilungsleitern die Akten der Patienten“ gegen „Das Pflegepersonal bespricht an der Sitzung mit den Abteilungsleitenden die Akten der zu behandelnden Personen“.
  • Nicht explizit angesprochene Personen sollten nicht einfach nur gedanklich „mitgenommen“ werden. Oft wird aus Faulheit nur eine eindeutig männliche oder weibliche Schreibweise gewählt, auch wenn das Geschlecht der angesprochenen oder angeschriebene Person vollkommen egal ist. Die gegenderte Schreibweise zeigt Wertschätzung allen Geschlechtern gegenüber und steht auch für eine Gleichbehandlung!
  • Stereotype Denkweisen über Bord werfen. Mit der richtigen Schreibweise kann aufgezeigt werden, dass Personen jedes Geschlechts jede Arbeit ausführen kann. Das Typisch-Mann- / Typisch-Frau-Denken wird so nach und nach verschwinden, das Schubladendenken kann endlich beseitigt werden.

Wer Wolkenseifen auf Facebook auf die Aussage hin sachlich angeschrieben oder den „Wütend“-Button gedrückt hat, wurde sofort von der Seite blockiert. Dieser Umgang mit (möglicher) Kundschaft ist für ein Unternehmen gleich doppelt unprofessionell.

 


Prettify und warum Schminke nicht Frauen vorbehalten ist und alle Menschen schön sind.

Der Prettify Beauty-Shop hat auf seiner Facebookseite am 16. Mai 2016 folgendes Bild gepostet:
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Also besser zu spät ankommen als hässlich.
Soll das jetzt etwa heissen, dass ungeschminkte Menschen hässlich sind? Und Mensch sich lieber lange im Badezimmer verkriechen und zu spät zu einem Termin kommen soll, statt ungeschminkt das Haus zu verlassen?
Auf Nachfrage wurde dann noch nachgelegt, hier wieder ein Screenshot von Facebook:
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Zusammengefasst heisst das, was die Shopbetreibenden da posten also:

  • ungeschminkte Menschen sind hässlich
  • die glücklichsten Mädels sind am schönsten
  • demnach sind traurige, nicht gut gelaunte oder einfach ernste „Mädels“ auch hässlich
  • von Make Up Themen sind nur weibliche Menschen angesprochen…

Schön ist relativ und für jeden Menschen anders. Wichtig ist es, Menschen nicht über ihr Aussehen (und damit der eigenen, individuellen Wahrnehmung) zu bewerten. Das, was der Shop uns da erzählt, ist dabenen, lookistisch und sexistisch. Schöne Frauen verbringen viel Zeit vor dem Spiegel. Aha. Es gibt so grossartige nichtweibliche Make Up Artists und auch viele Nichtfrauen, die sich für dekorative Kosmetik interessieren – und sich vielleicht auch nicht trauen, dazu zu stehen. Es ist endlich an der Zeit, diese Stereotypen von „Mann“ und „Frau“ zu vergessen. Wer Freude daran hat, soll Make Up verwenden, wer das nicht will, kann doch ganz einfach darauf verzichten.

Wie soll dieses ernste Thema denn nun mit einem Zwinkern gesehen werden?
Prettify hat sämtliche Nachfragen ignoriert und kurz darauf damit nachgedoppelt: 8

Genau, ein Gewinnspiel für „Bellas“. Gewinnen kann, wer einer Freundin ein Kompliment macht… (Auch hier wurden die Nachfragen, ob sich nur biologische Frauen für solche Produkte interessieren dürfen, konsequent ignoriert.)

 


Wolkenseifen und wie das Empowerment der Pin-Up-Bewegung mit Füssen getreten wird.

Pin Ups! Die Bewegung steht durchaus für das Empowerment-Konzept und somit für starke und (auch sexuell) selbstbestimmte Frauen. Die Bilder, auch als Kunstform, sind nicht sexistisch.

Bedenklich werden sie erst dann, wenn die Kernboschaft verfälscht wird. Ein solches Bild landet auf einer Verpackung für Deos oder Parfüms, allenfalls sogar kombiniert mit eindeutig zweideutigen Sprüchen (den Po rausstrecken mit der Botschaft „Look at me“) oder Namen. Damit geht jegliche Stärke der Frau auf dem Bild verloren, sie wird objektifiziert und zum billigen Werbeobjekt degradiert. Das ist Sexismus.

Wolkenseifen verwendet solche Motive für viele Produkte, hier sind zwei Beispiele in Form von Screenshots des Webshops:

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Nebst der sexistischen Werbung stellen sich hier noch einige weitere Fragen:

  • Warum braucht es nackte Menschen für diese Werbung auf den Flaschen oder Dosen?
  • Warum ist der Mensch auf den Packungen immer eine Frau?
  • Dürfen Nichtfrauen diese Produkte nicht verwenden?
  • Wie sieht die Frau aus und welchen Klischees entspricht sie (warum sind alle Frauen schlank und weiss und haben lange Haare)?

 

Darum meine Bitte an euch: macht euch Gedanken darüber, welche Produkte ihr kaufen wollt. Und zwar darüber hinaus, ob etwas tierversuchsfrei und/oder vegan ist. Denn jeder Kauf ist eine Stimme!

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir uns nicht auf unseren Privilegien ausruhen sollten. Nur weil viele *hier* weder diskriminiert sind, noch sich von abschätzigen, sexistischen oder lookistischen Werbebotschaften angesprochen oder gar beleidigt fühlen, sind diese Gegebenheiten dennoch da und ein grosses Problem. Zeigt euch solidarisch mit den Opfern solcher Strukturen und helft, davon loszukommen. Unterstützt nur Firmen, bei denen ihr hinter dem Produkt und der Firmenphilosophie (eines Shops oder Herstellers) steht.

Diese -ismen sind übrigens immer klar definiert und keine Empfindungssache. Schaut euch ein Produkt oder Bild 2x an, auch wenn ihr euch persönlich nicht davon gestört fühlt. Sich persönlich nicht davon angesprochen fühlen, macht das Problem für Betroffene nicht kleiner. Im Gegenteil, durch Ignoranz und mit dieser von sich auf andere Menschen schliessen, reissen wir den Graben der Diskriminierung nur noch weiter auf.

Nachtrag vom 15.6.2016: bei meiner weiteren Recherche bin ich gerade auch das Buch „Subjekte des Begehrens. Zur sexuellen Selbstbestimmung der Frau in Literatur, Musik und visueller Kultur“ gestossen und es hat mich beim ganz groben Überfliegen sehr neugierig gemacht. Wahrscheinlich landet das Werk bald in meinem Bücherregal.

 

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6 Gedanken zu “Über Diskriminierung, Sexismus, Lookismus in der Kosmetikbranche

  1. Ziemlich schwieriges Thema, das du ansprichst. Allerdings hast du auch vollkommen recht. Man läuft leider viel zu oft mit Scheuklappen durch die Gegend, achtet nur auf sich und hinterfragt vieles dann eben doch nicht.
    Ich werde mal zukünftig mehr drauf achten- guter Artikel, auf jeden Fall!

    Liebst, Rika

  2. Toller Artikel!
    finde ich extrem wichtig. Ich muss zugeben, bei mir hat sich das Bewusstsein für diese Problematik auch erst mit der Zeit entwickelt, vor allem während des Studiums… Dafür finde ich es um so erschreckender, dass es bei vielen Leuten immer noch nicht angekommen ist, dass es mehr als weiße, heterosexuelle Cis-Menschen gibt.

    Mein Hauptaufreger ist immernoch die Debatte ums Sexualstrafrecht, das Männer vor falscher Beschuldigung schützt, aber Frauen nicht. Jaja, größer Aufschrei wenn „fremde“ Männer die „deutschen“ Frauen anfassen. Aber passiert ist seit dem nichts.

    Und letztens habe ich einen Bericht über einen Jungen Mann gesehen, der allein mit dem Fahrrad um die Welt gefahren ist. Ich fand das so super bis die Erkenntnis kam: Als Frau kannst du das nicht machen.
    Das macht mich so wütend…

  3. die pin-ups könnten aber auch einfach starke frauen symbolisieren… ich finde hier den sexismus nicht eindeutig, bei den anderen schon und mir ist es auch schon stark aufgefallen.

  4. Huhu Catgirl!
    Da hast du absolut Recht. Die Pin Up Bewegung steht für starke, selbstbestimmte Frauen.
    Problematisch wird es aber, wenn die Bilder als Produktwerbung gebraucht werden. Die starke Frau wird damit nämlich zum „Werbeobjekt“ – und hat nur noch einen Zweck: das Produkt verkaufen, allenfalls noch kombiniert mit zweideutigen Sprüchen. So verliert sie jegliche Stärke.
    Das steht auch so im Artikel. 😉

    Oder habe ich dich falsch verstanden?

  5. Wer sagt denn das Frauen nicht allein um die Welt fahren können? „Vegan World Friendship Tour“ ist nur eine von vielen, die sich allein auf das Rad geschwungen hat. Auch reisen immer mehr Frauen alleine ohne „mehr“ negative Erfahrungen. Bei solchen Aussagen steht einem fast immer nur der eigene „Kopf“ im Weg 😉

  6. Vor 10 Jahren noch, hätte ich den Artikel vermutlich so unterschrieben oder vielleicht selbst geschrieben. Vielleicht habe ich in den letzten Jahren eine gewisse Gelassenheit entwickelt, vielleicht bin mancher Dinge auch überdrüssig geworden. Sicherlich kann man mir auch eine gewissen Faulheit unterstellen. Ich finde gendern anstrengend. Nicht, weil ich Sprache nicht unheimlich wichtig finde (und manche Dinge lassen mich meine Gelassenheit auch mal vergessen: „Sinn machen“ ergibt für mich z.B. überhaupt keinen Sinn, Steigerungen des Superlativs, etc.), aber weil ich manchmal den Eindruck habe, dass zuviel interpretiert wird. Und, weil in dem ganzen Diskriminierungswahnsinn vergessen wird, dass man ziemlich schnell eine Randgruppe diskriminiert. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ist eben auch so eine Cisgender-Geschichte, die durch das Wording Trans-, Fluid-, etc ausschließt. Natürlich gibt es die von Dir genannte beste Wahl: Mitarbeitende…Ich finde da Wolkenseifen ehrlich gesagt auch einfach nur authentisch. Etwas provokativ, sicherlich. Aber m.E. immer noch besser als eine unehrliche political correctness.
    Den Spruch vom Prettify-Shop finde ich auch eher lustig. Ich mein schon der Shop-Name…Und das Audrey Hepburn-Zitat ist eines meiner liebsten, eben weil es zeigt: ich brauche keine Schminke, keine hübschen Kleider…ein Lächeln macht jedes Mädchen oder besser: jeden Menschen hübsch.
    Die PinUps finde ich jetzt auch nicht so passend…warum immer mit halbnackten Frauen geworben wird, erschließt sich mir nicht. Und ja, bei Beautyprodukten kann man durchaus einen gewissen Sexismus unterstellen…aber vielleicht, fand auch auch einfach nur jemand die Bilder schön…

    Ich verstehe Deinen Ansatz und nur, weil ich mich nicht diskriminiert fühle, bedeutet das nicht, dass es nicht jemand tut. Und ich finde Sensibilisierung auch absolut wichtig, ich finde es nur schwierig, weil es eben auch schnell zur Übersensibilisierung führt.

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