„Lieb mich, ich bin vegan“ – Sexismus bei der Kosmetikbude

„Lieb mich, ich bin vegan“ – „Marie“ auf dem veganen, gleichnamigen Duschpeeling sagt: „Lieb mich, ich bin vegan“ und streckt dabei ihren Hintern heraus. Auch ihre Freundinnen Alex, Kim und Lola wollen vor allem sexy sein. – Die Facebookseite Indyvegan hat gestern auf die sexistische Vermarktungsstrategie des neuen Unternehmens „Die Kosmetikbude“ aufmerksam gemacht. [1]

Das ist ein Grund für uns, genauer hinzuschauen, denn Sexismus finden wir auch bei veganen Unternehmen nicht okay. Die Verpackungen von „Die Kosmetikbude“ sind alle mit gezeichneten Frauenkörpern verziert. Größtenteils leicht bekleidet und stark überzeichnet. Große Brüste, schmale Taille und lange dünne Beine – wie auch sonst. Als wir uns heute Morgen die Facebook-Seite angeschaut haben, gab es dazu schon ein Statement[2], dieses schauen wir uns nun einmal genauer an.

„Liebe Community, wir sind überrascht über die hohe Zahl an Reaktionen, die unsere Produkte ausgelöst haben. Es gab sehr viel positives Feedback, einige Posts mit konstruktiver Kritik (danke dafür!), und einige, die sich leider an unserem Layout stören.“
Spart euch die Mühe nach diesen Reaktionen zu suchen. Jegliche Kritik wurde gelöscht. Egal wie höflich und konstruktiv sie war. Die Nutzer, die den Sexismus dort entlarvt haben, wurden alle blockiert. Das Bewertungssystem wurde schon vorher abgestellt.

Nachtrag vom 2.5.16: Es werden im großen Stil kritische Kommentare gelöscht. Stehen bleiben all jene Kommentare, die dem Unternehmen Zuspruch leisten, ganz egal wie beleidigend und niveaulos diese sind. In den Kommentaren der Fürsprecher*innen werden Kritiker*innen als „bescheuert“, „Neider“, „nicht ganz knusprig im Kopp“, „Evolutionsbremsen“, „Spinner“, „arme Würstchen“ und „Gestörte auf Hartz4“ bezeichnet, in deren Gehirnen etwas „falsch verkabelt“ sei und die „psychologische Behandlung“ bräuchten. Diese Kommentare stehen noch immer ungelöscht und teilweise sogar gelikt von „Die Kosmetikbude“ auf der Seite des Unternehmens.[3][4]

„Die (über)zeichneten Figuren auf unseren Duschprodukten und Bodylotions stehen für ein selbstbewusstes und selbstbestimmtes Fauenbild, frei nach dem Motto „Sei wer du magst und steh dazu“.
Selbstbewusste Frauen sagen am liebsten Sätze wie „Lieb mich, ich bin vegan“ und sind dabei leicht bekleidet. Versteht uns nicht falsch – jeder darf so viel oder wenig anhaben wie er mag und das finden wir durchaus selbstbestimmt – aber als Marketingstrategie um ein Produkt besser zu verkaufen, hat das Ganze nichts mit Selbstbewusstsein oder Selbstbestimmung zu tun, sondern ist blanker Sexismus.

„Es wird kein bestimmtes und schon gar kein klassisches Frauenbild verkörpert“
Auch hier muss ich widersprechen. Alle abgebildeten Frauen erfüllen das bei uns übliche Schönheitsideal. Schlank und weiß. Mit Sprüchen wie „Er liebt mich, er liebt mich nicht.“ (siehe Bodylotion Emma) versehen wird das ganze Frauenbild noch eine Nummer klassischer.

„sehr viele Kunden haben den Humor dahinter positiv aufgefasst und das Design als erfrischend und ansprechend bewertet. Dem einen gefällt´s, dem anderen nicht. So ist das nun mal.“
Ästhetik spielt hier keine Rolle. Darum geht es nicht. Manche scheinen das einfach nicht zu begreifen. Man kann die Bildchen hübsch finden. Man kann sie weniger ansprechend finden. In jedem Fall aber sind sie sexistisch und lookistisch. Stereotype Frauenkörper werden genutzt, um Aufmerksamkeit zu generieren. Frauen werden in diesem Prozess zu Objekten. Werbeobjekten. Es macht keinen Unterschied ob gezeichnet oder real und ob sie gut oder schlecht gezeichnet sind. Das hat absolut nichts mit den sexistischen Strukturen zu tun, welche immer hintere einer solchen Marketingstrategie stecken.

„Von jeglicher Form von bewusst eingesetztem Sexismus distanzieren wir uns aber hiermit klar und deutlich.“ Auch unbewusst eigesetzter Sexismus ist Sexismus. Das Unternehmen wurde mehrfach (!) darauf hingewiesen. Wir können nur nochmal betonen, dass es hierbei nicht um persönliche Empfindungen geht. Die Verpackung ist sexistisch und daran lässt sich wenig schön reden.

„Wir fänden es toll, wenn einige User nicht weiterhin nur nach dem Äußern gehen und unseren Produkten doch noch die Chance geben, sie von ihren inneren Werten (tolle, regionale Frucht- und Pflanzenextrakte, keine schädlichen Parabene und Silikone, vegan, PETA zertifziert, etc.) zu überzeugen.“
Ich hoffe dem Unternehmen ist die Ironie bewusst, die in dem „nur nach dem Äußeren gehen“ steckt. Aber da wir nichts auf Äußerlichkeiten reduzieren wollen haben wir uns auch mal die „inneren Werte“ der Produkte angeschaut.

Die Werbung auf der Homepage verspricht folgendes:
„Die Kosmetikbude lässt alles weg, was deine Haut nicht unbedingt braucht. Parabene, Silikone, Mineralöle, etc. – Auf all das verzichten wir gut und gerne und setzen dafür sanfte Alternativen ein.“[5]
„Wir hatten einfach die Nase voll von langweiliger Kosmetik. Von schädlicher Kosmetik. Von maßlos überteuerter Kosmetik. Von Inhaltsstoffen wie Mikroplastik, das unsere Umwelt ruiniert. Von Produkten die zwar cool sind, aber für uns um die halbe Welt reisen.“ [6]

Die Produkte sind vegan und tierversuchsfrei, sonst aber alles andere als besonders oder gar empfehlenswert und alle sind sehr stark parfümiert, meist aus einer Mischung aus milden und überhaupt nicht milden Duftstoffen. Dafür sind die Preise extrem hoch und die oben geposteten Versprechen sind dann in Wirklichkeit doch nicht so wichtig. Hier zwei Beispiele:

Veganes Duschpeeling „Marie“
Das Produkt wird auf Amazon für € 6,99 verkauft und eine Tube fasst 250 ml.
Die Peelingkörner sind hier aus Walnussschalen und Aprikosenkernen aber in der Masse ist leider Mikroplastik enthalten, und zwar „Acrylates/C10-30 Alkyl Acrylate Crosspolymer“.[7] Dabei steht doch auf der Homepage, dass kein Mikroplastik verwendet wird. Es gäbe genügend umweltfreundliche Alternativen für Peelings, die auch keine umstrittenen flüssigen Kunststoffe enthalten.

Veganes Duschgel „Lola“
Das Produkt wird auf Amazon[8] für € 5,99 verkauft und eine Tube fasst 250 ml.
Nebst der riesen Dosis an Parfüm fallen vor allem Linalool, Hexyl Cinnamal[9] und Mentha Piperita Leaf Extract[10] auf, die sich alle relativ weit vorne in der Auflistung der Inhaltsstoffe befinden und somit zu nicht ganz kleinen Mengen im Produkt vorkommen. Alle drei sind starke Reizstoffe auf der Haut und Allergene, die der Haut stark zusetzen.

Die Produkte von „Die Kosmetikbude“ werden über Amazon vertrieben. Ein denkbar schlechter Vertriebspartner für einen Hersteller, der mit reinem Gewissen wirbt. Amazon steht ständig in der Kritik wegen extrem schlechten Arbeitsbedingungen der Angestellten und ihrer Wirtschaftspolitik. Amazon hat eine Monopolstellung und kein Problem damit, seine Handelspartner damit unter Druck zu setzen.[11] Der Onlinemarkt für vegane Produkte ist mittlerweile riesig, allerdings ist fraglich, ob bestehende Shops überteuerte Sexismusprodukte in ihrem Sortiment haben wollen.

Und als wenn das nicht alles schon genug wäre, hat die Firma einen Verkaufsstand ihrer Produkte in einem Hof aufgebaut, direkt unter einem Geweih. Und bei dem Hof handelt es sich nicht, wie man vermuten könnte, um einen Bio-Obst/Gemüsebauern, sondern um einen Hof mit angeschlossenem Restaurant, das Hausschlachtung betreibt. Auf deren Facebook-Seite kann man sich anschauen, wie sie sich mit einer Wiese für ihre Kühe und Nachzucht brüsten.[12] Und all das steht dann im Zusammenhang mit den Produkten der Firma Kosmetikbude – die sich doch gerade noch mit einem PETA-Siegel und dem vegan sein ihrer Produkte selbst bewerben – verkehrte Welt (oder eher verstecke Kamera). Regional schön und gut, es hätte aber sicherlich jeder Hof besser gepasst als ein „Schlacht“hof. Dass Veganer die Jagd und die Bezeichnung Nutztier und die Ausbeutung und Tötung von Tieren ablehnen, ist klar, wirkt es doch bei Kosmetikbude eher wie eine Verkaufsmasche, als wie eine ernstgemeinte Unternehmensphilosophie. Die veganen Kosmetikprodukte kann man übrigens auch im Hofladen kaufen.

Nachtrag vom 2.5.16: Gerald, einer der beiden Geschäftsinhabenden, scheint mit dem Veganismus in Wirklichkeit selber gar nichts am Hut zu haben. So teilt er auf seiner privaten Facebookseite öfftentlich Werbung für Fleischprodukte des „Da Hauer“-Hofes. Ja richtig, das ist der Hof, bei dem auch der Verkaufsstand für die Kosmetikbude aufgebaut wurde. Mittlerweile hat die Kosmetikbude das Bild übrigens von ihrer Seite gelöscht, nur die Bilder von Seite des Hofes sind noch da. Die sagen aber auch genug.

Nachtrag vom 2.5.2016: Gerade haben wir noch das „Heimatliebe-Bild“ auf Instagram gesehen. Das setzt der ganzen Geschichte noch das Krönchen auf. Die Liebe zum eigenen Land ist immer sehr fragwürdig, es gibt keinen „guten“ Patriotismus. Die starke Bindung an das „eigene“ Land geht immer einher mit der Ablehnung der „fremden“ Länder. Psychologen sehen keinen Unterschied zwischen Patriot*innen oder Nationalist*innen, beides geht Hand in Hand.[13]

Geschrieben von Lara Marie, Yvonne und Sarah.
Hier noch die Beiträge inkl. Bildern und Diskussionen von Indyvegan
„Lieb mich, ich bin vegan“
„Die Sexistenbude“
Unser Artikel inkl. Kommentare

 


[1] https://www.facebook.com/indyvegan/photos/a.695041657270078.1073741828.694947570612820/984834498290791/?type=3&theater
[2] https://www.facebook.com/diekosmetikbude/posts/1593791434269523
[3] https://www.facebook.com/indyvegan/photos/a.695041657270078.1073741828.694947570612820/986066608167580/?type=3&theater
[4] http://abload.de/img/02-05-_2016_12-46-53j7ko9.png
[5] http://www.diekosmetikbude.at/kb-main.php?page=was-drin-ist
[6] http://www.diekosmetikbude.at/kb-main.php?page=wer-wir-sind
[7] http://www.bund.net/fileadmin/bundnet/pdfs/meere/131119_bund_meeresschutz_mikroplastik_produktliste.pdf
[8] https://www.amazon.de/gp/aag/main?ie=UTF8&asin=&isAmazonFulfilled=&isCBA=&marketplaceID=A1PA6795UKMFR9&orderID=&protocol=current&seller=A2XP3UKMOETHKU&sshmPath=
[9] Weiterführende Informationen zu einzelnen Inhaltsstoffen: http://www.haut.de/inhaltsstoffe-inci/ und http://www.paulaschoice.com/cosmetic-ingredient-dictionary/
[10] http://www.paulaschoice.com/cosmetic-ingredient-dictionary/definition/plant-extracts/peppermint
[11] http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/amazon-wenn-einem-unternehmen-alles-egal-sein-kann-1.2611673
[12] http://www.dahauer.at/dh-main.php
[13]http://www.sueddeutsche.de/wissen/liebe-zum-land-die-maer-vom-guten-patrioten-1.912131

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2 Gedanken zu “„Lieb mich, ich bin vegan“ – Sexismus bei der Kosmetikbude

  1. Krass, ich finde die Formulierung, dass sie konstruktive Kritik UND Kritik zum Layout bekommen haben, schon sehr kritisch. Für mich klingt das so, als würden sich konstruktive Kritik und Kritik am Sexismus grundsätzlich ausschließen. Und das sie behaupten sie würden kein Mikroplastik verwenden und es doch tun, geht überhaupt nicht.
    Liebe Grüße Leela

  2. Also Lilli wuerde ich sofort kaufen … an sonsten bleibe ich lieber bei veganen Marken ohne Sexismus wie The treacle Moon oder wie Original Source 🙂

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