Ein kritischer Kommentar zum ‚Non-Humans-First‘-Manifest und der 269-Bewegung

Was offenbar wird, wenn man dieses „Non-humans first“-Manifest, welches der 269er-Bewegung zu Grund liegt, betrachtet:

1. Diese Bewegung ist explizit offen für jegliche Art von Menschenfeind*innen. Mehr noch wird im zweiten Punkt dieses Manifests konstatiert, dass Konflikte mit Menschenrechtsfragen (Recht auf Freiheit, körperliche Unversehrtheit etc.) irrelevant für die Bewertung von Taktiken, die dem Tierrechtsaktivismus dienen, sein sollen. Es wird also offen mit der Möglichkeit kokettiert, dass durch Personen oder Taten der Bewegung Menschenrechte verletzt werden. Dies wird weder als unmoralisch empfunden, noch soll es zum Ausschluss von Personen/Gruppen aus der Bewegung führen.

„No one should be excluded from participation in animal rights activities based on their views on human issues.“ [1] – Sinngemäß: Niemand soll aufgrund deren Sicht auf „menschliche Fragen“ aus Tierrechtsaktivitäten ausgeschlossen werden.
„No tactical idea should be excluded from the discussion based on its conflict with human rights ideology.” [1] – Sinngemäß: Keine taktische Idee soll ausgeschlossen werden, weil sie in Konflikt mit Menschenrechten steht.

2. Weiterhin insistiert die Bewegung auf der Vernachlässigung des Kampfes gegen die Marginalisierung von Menschengruppen. Tatsächlich wird von marginalisierten Personen gefordert, dass sie es zurückstellen, ihre Rechte einzufordern, ganz im Sinne der Vorstellung, dass sich zunächst um die Tierrechte gekümmert werden soll. Diese Forderung steht einem emanzipatorischen Veganismus – welcher meiner Meinung nach der einzig widerspruchsfreie ethisch motivierte Veganismus ist – diametral gegenüber. In diesem Zusammenhang wird auch befürchtet, dass bei einer Verbesserung der Lage von diskriminierten Menschen eine Verschlechterung derer von Tieren folgt. Als wäre es nicht so, dass finanziell privilegierte Menschen zunächst eher die Möglichkeit haben, sich vegan zu ernähren…

„We are aware and concerned about the fact that some human rights improvements within a fundamentally oppressive system towards non-humans leads to increased oppression of non-human animals. For example, economic improvements leading to increases in factory farming, meat consumption, animal labs, etc. We therefore call on human beings to free their own (non-human) slaves before demanding their own rights.” [1] – Zu Deutsch: Wir sind uns bewusst und wir sind besorgt darüber, dass Verbesserungen von Menschenrechten, innerhalb eines durch und durch unterdrückerischen Systems gegenüber nicht-menschlichen Tieren, zur erhöhten Unterdrückung von nicht-menschlichen Tieren führt. Zum Beispiel: ökonomische Verbesserungen führen zu mehr Massentierhaltung, Fleischkonsum, Tierversuchslaboren, usw. Wir rufen daher die Menschen dazu auf, ihre eigenen (nicht-menschlichen) Sklaven zu befreien, bevor sie ihre eigenen Rechte einfordern. [2]

3. „Whereas; non-human animals are in a situation of immediate emergency and global holocaust with no human crises even coming close to its scale.“ [1] – Sinngemäß: Tiere sind in einer akuten Notsituation und erleben einen weltweiten Holocaust, dessen Ausmaß keine menschliche Krise überhaupt nahe kommt.

Über die Gleichsetzung der Massentierhaltung mit der Shoah wurden ja schon viele Worte verloren. An dieser Stelle möchte ich auf die Ausarbeitung der „Gruppe gegen deutsche Normalität – Köthen“ hinweisen, welche die diesbezügliche Kritik ausführlich darstellt. [3]
Diese Art der Shoah-Relativierung hat in der Tat ein antisemitisches Moment. Denn entgegen der allgemeinen Annahme von Tierrechtler*innen, dadurch entstehe eine Aufwertung von Tieren, erfolgt vielmehr eine Abwertung der Opfer der Shoah, indem dieselbe Methode von Antisemit*innen der Entmenschlichung von Jüdinnen und Juden angewandt und wiederholt wird. Nach Adorno – welcher übrigens in diesem Zusammenhang immer wieder falsch zitiert wird – liegt darin der „Schlüssel zum Pogrom“:
„Die stets wieder begegnende Aussage, Wilde, Schwarze, Japaner glichen Tieren, etwa Affen, enthält bereits den Schlüssel zum Pogrom. Über dessen Möglichkeit wird entschieden in dem Augenblick, in dem das Auge eines tödlich verwundeten Tiers den Menschen trifft. Der Trotz, mit dem er diesen Blick von sich schiebt – »es ist ja bloß ein Tier« -, wiederholt sich unaufhaltsam in den Grausamkeiten an Menschen, in denen die Täter das »Nur ein Tier« immer wieder sich bestätigen müssen, weil sie es schon am Tier nie ganz glauben konnten. […] Der Mord ist dann der Versuch, den Wahnsinn solcher falschen Wahrnehmung durch größeren Wahnsinn immer wieder in Vernunft zu verstellen: was nicht als Mensch gesehen wurde und doch Mensch ist, wird zum Ding gemacht, damit es durch keine Regung den manischen Blick mehr widerlegen kann.“ [4]


 

In der Praxis kommt bei dieser Bewegung zur Relativierung der Shoah noch eine Instrumentalisierung hinzu. Das gängige Mittel der Aktivist*innen dieser Bewegung ist es, zu provozieren und zu schockieren. Hierbei wird immer wieder auf existente Gewalt- und Diskriminierungsformen, die marginalisierte Menschengruppen erleben, zurückgegriffen und in Kauf genommen, dass bei Betroffenen traumatische Erlebnisse getriggert werden. Zu nennen wären hierbei die Brandings der Nummer 269 auf Unterarme in Verbindung mit reichlich Nazivergleichen, (die Darstellung von) (sexualisierte/r) Gewalt gegenüber Frauen*, inszenierte „Sklav*innen-Auktionen“. [5] So wird das Leid von Jüdinnen und Juden, Frauen* und People of Color zum Zwecke des „Tierechtsaktivismus“ instrumentalisiert.

Geschrieben von Maxi

 

[1] https://nonhumansfirst.com/
[2] Übersetzung: Tierrechte Aachen, https://www.facebook.com/notes/tierrechte-aachen/die-non-humans-first-problematik/1668535483411021
[3] http://ggdnkoethen.blogsport.de/texte/auschwitz-ueberall/
[4] Adorno, Th.W.: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt am Main 1982, S.133 f.
[5] Beispiele: http://www.vice.com/de/read/veganer-brennen-sich-die-haut-wie-kuehe-und-tiere-tierquaelerei

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